Zu Rilkes Auseinandersetzung mit der christlichen Kirche zitiert Krzysztof
Zgraja (den ich für einen der bedeutendsten lebenden Flötisten halte) den
Choral "Großer Gott, wir loben Dich". Nach Rilkes Gedicht "Buddha in der
Glorie" spielter - gleichzeitig (!) Flöte spielend und singend -
das Gaccami,
die uralte buddhistische Hymne der Hingabe, die meist im Wechselgesang
gesungen wird:
"Buddbham sharanam gaccami ...
Ich verbeuge mich vor dem Buddha. Ich verbeuge mich vor der Gemeinschaft. Ich
verbeuge mich vor der Lehre". Krzysztofs Buddha-Thema in diesem Stück scheint
dies zu antizipieren, als hätte er das
Gaccami
gekannt (aber ich machte ihn erst in den Tagen unserer Aufnahme damit
bekannt).
(...)
In Schauendes Lauschen (Nr. 4)
zu Rilkes "Bergen des Herzens" besteigt Krzysztofs Flöte wirklich ein Gebirge -
immer höher und höher -, Ausschau haltend da oben, lauschend in der immer
dünner werdenden Luft. Später in diesem Stück bilden die Akkorde eines
gregorianischen Chorals (wieder gleichzeitig auf Flöte und Stimme!) die Basis
des musikalischen Geschehens, über der sich die Improvisation, die Schreie und
Vogelrufe, die Feier und das Leuchten des "Seins" erheben.
(...)
Krzysztofs Musik zu den Texten aus den
Duineser Elegien (Nr. 6)
ist hineingespannt in ein sechsstimmiges Flötengeflecht. Am Anfang der Schrei
der Verzweiflung ("Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn?"), der sich im Laufe
der Musik wandelt und am Schluß zur Keimzelle eines Lobgesanges wird, in dem
Rilkes eigenes Zögern vor dem gar zu lauten Lobsingen spürbar wird.
(...)
In Traum ist Brokat (Nr. 8)
identifiziert sich Krzysztof so sehr mit Rilkes Traum-Vision, als sei er der
alte chinesische Weise Tschuang, dem einst träumte, er sei ein Schmetterling
und flattere von Blüte zu Blüte; dann aber erwachte er, und nun war er wieder
Tschuang. "Jetzt aber weiß ich nicht:
Bin ich ein Mensch, dem geträumt hat, er sei ein Schmetterling? Oder bin ich
ein Schmetterling, dem träumte, er sei Tschuang?"
Und dann zerreißen beide - Rilke und Krzysztof - den Traum. "Wachsein ist
anderswo."
Und Vivaldi erklingt!
Joachim-Ernst Berendt
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